Ich hab das Gefühl, heute kann ich wieder schreiben. Diese Schreibstaus halten alle Worte zurück, sammeln sie, stauen sie wortwörtlich und dann wenn alles sprachliche überbordet, wenn Worte in meinem Kopf herumschwirren, wenn sie ohne Grund, zusammenhangslos aus meinem Mund fallen, wenn ich nicht mehr denken kann vor lauter Begriffe, dann auf einmal wird es leicht zu schreiben. Dann kann ein Satz frei entstehen, ohne dass ich mit ihm ringen muss. Ich war also einsam. Ich bin einsam. Das heisst, ich war vorher in einer Art einsam, die mich lähmte und jetzt bin einsam als Zustand. Meine Gedanken beschäftigen sich nicht mehr damit, sondern haben andere Ziele. Natürlich denke ich auch manchmal über den chronischen Mangel an Austausch mit Menschen. Denn das ist es, was meine Einsamkeit ist, es ist nicht das Fehlen von Mitmenschen, überall sind welche: Im Supermarkt stösst man versehentlich gegen sie, auf den Promenaden muss man ihnen Ausweichen, im Bus würde man sie in den Kurven an beliebiger Körperstelle berühren. Ich spreche sogar mit manchen. Über meinen Aufenthalt, wie ich wohne, wo ich wohne, ob es mir bisher gefallen hat, was für eine Art Künstler ich sei und so weiter. Ich denke also manchmal darüber nach, aber so, als beträfe es nicht mich persönlich, sondern einen Menschen. Aber ein Hauptproblem der Einsamkeit bleibt, dass meine Gedanken sich nicht so schnell und gründlich entwickeln. Denn normalerweise entstehen und wandeln oder manifestieren sie sich im Gespräch mit anderen Menschen, im Gedankenaustausch. Meistens ist es ja alles andere als ein Austausch, sondern ein Beharren auf die eigenen Gedanken gegen den Widerstand der fremden und in diesem Verteidigungsakt werden die Gedanken reifer, damit sie sich behaupten können. Manchmal eigne ich mir auch fremdes Gedankengut an. Natürlich heimlich. Augenblicklich waren sie schon immer die eigenen. Das also fehlt. Und das ist etwas vom wichtigsten für mein Leben. Ich kann das nicht mit mir selbst vollziehen, dieses hin und her. Erstens, weil mir da der Ansporn fehlt jemanden zu übertrumpfen. Und zweitens, weil mein Kopf nur meine Ansicht kennt, aber keinen Grund kennt an ihr zu zweifeln, denn die Tatsache, dass es meine Gedanken sind, macht es unwahrscheinlich, dass sie widerlegbar sind.
Also suche ich nun vor allem den Gedankenaustausch. Dieser, so denkt man, müsse auch digital durchführbar sein. Ist er auch, aber unbequem. Denn im Gespräch gehen die Informationen über viele Kanäle wie Augenkontakt, Gestik, Mimik, und das was gesagt wird, und die Betonung der Worte und Sätze, so werden Unklarheiten schneller aus dem Weg geschafft. Und undeutliche Gedankenfolgen verdeutlicht.
Wer kennt das nicht. Wenn man all die Gummibärchen und -früchtchen auf ein Mal in dem Mund nimmt, dann schmeckt man deutlich Gelatine, also das Knochenmehl. Wahrscheinlich weiss nur kaum jemand wie Knochenmehl schmeckt, oder riecht. Ich schliff als 11 Jähriger in einem Steinzeitlager aus einer Kuhspeiche ein Messer. Natürlich taugte es kaum zum Brieföffner, aber das störte mich nicht, hingegen störte mich der dichte fettige unendliche Geruch von dem zerriebenen Knochen. Ich habe das Gefühl, er hätte mich durch das ganze Lager hindurch und noch später verfolgt.