Samstag, 12. Januar 2008

melbourne again



Morgens in der Metro: Das glättende Licht der Neonröhren dominiert. Es ist derart unwirklich, dass die Nase nicht einmal mehr ans Riechen glaubt, während die Ohren durch den ermüdenden rhythmischen mechanischen Lärm eingelullt werden. Nur die Augen sind angesprochen. Sie erkunden voller Neugier die plötzlich so klaren und begreiflichen Gesichter der Menschen, ihre Kleider und Haare und Schuhe und Zehen. Und alle sind sosehr auf ihre Augen gestützt, dass heisst, auf ein Sehen als Sein, dass sie ganz vergessen wer sie sonst sind. Und hemmungslos bohrt man mit Blicken in den Gesichtern anderer rum. Ohne jede Verstellung, schutzlos, offenbaren sich gegenseitige begehrende Blicke, während das Ich betäubt auf das Reiseziel wartet.
Aus der Metro in die Stadt um zehn Uhr schon beträchtlich heiss. Es sollte noch 41 Grad heiss werden. Ich stürzte mich nach der langen Einöde in Canberra mit geweiteten Sinnen auf diese Stadt. Ich wollte soviel visuelle, akustische und olfaktorische Sensation wie nur möglich. Und ich begab mich in einen Sinnesrausch der zusammen mit der Hitze fast zu einem Kollaps geführt hätte. Ich musste etwa eine Stunde lang wegen kribbelnden Extremitäten und totaler Erschöpfung aller Filter in mir sitzen bleiben und Wasser trinken.
Die Überdosis Metropole die ich mir zuführte, fühlte sich aber besser an als die letzen leeren Wochen. Ich begann mich als ein Gefäss zu begreifen, dass angefüllt werden muss um sich künstlerisch zu ergiessen. In Canberra blieb mir nichts anderes, als ein leeres Gefäss darzustellen. Was ich ja auch getan habe. Ich bin bloss zwei Filter: einer der die Wahrnehmung filtert und ein zweiter, der die Äusserungen filtert. Dass nennen die Leute Kreativität.