Donnerstag, 10. Januar 2008

melbourne

Jeder, der schon mal am Meer war, weiss wovon ich spreche. Dieser zerbröselnde blecherne Weltaufstrich, der lärmt. Heute ging ich nach Melbourne. Dort verbrachte ich Zeit in der Nationalgalerie um herauszufinden, dass die Briten erschreckend wenig zur Kunst des 20. Jahrhunderts beigetragen haben. Und um hunderte alte Körper zu sehen, die von ihrem wissens- und kulturdurstigen Geist ein Leben lang so hin und her gejagt wurden, dass alles Träge ausgeleiert wurde und nun dem Ruf der Gravitation widerstandslos Folge leistet. Ausser den Rauchern der australischen Intelligenzija, die ihre Haut längst für derbes Leder umgetauscht haben, ihnen hängt das ausufernde Leder wie an engen rotgebrannten Riemen. Damit ich nicht falsch verstanden werde, ich schaue alle diese Menschen gerne und ohne den geringsten Ekel, sondern mit fiel Sympathie an, sie bieten sich nur so verführerisch für eine pointiert böse Vivisektion an.

Danach liess ich die Ennis-Butler Familie wieder nach Inverlock ans Meer fahren, wo sie mich eine Woche lang, ich hätte noch länger bleiben können, ausgehalten hatten. Ich nahm den Zug um in die Vorstadt zu gelangen, wo ich unterkommen sollte. Es ist immer erstaunlich für mich in eine Stadt zu kommen, in der man noch nicht weiss, wo man schlafen kann. Denn eine Stadt ist ein Ungeheuer ohne das Wissen, dass man ihren wilden vibrierenden tausendköpfigen Kern verlassen kann und einen Ort hat wo man in Sicherheit ist. Ich hatte volles Gepäck dabei und darin viele kostbare Instrumente. So beladen und schwitzend unter der Lederjacke, die in kein Gepäckstück passen wollte, war dieser grelle Moloch wie ein einziger schmerzhafter ewiger Schrei. Und vom Schwitzen ganz träge als klebte ich förmlich so in den Häuserschluchten, wie mein Oberkörper in der Jacke, war mein einziger Wunsch: Weg von all den kaltschultrigen, uneinladenden Geschäftstürmen. Raus aus der Autoschlacht und dem Menschengewitter, Gesichter und Lachen und klebriger Gestank.

Ich nahm also den Zug und sah wie aus Melbourne-City über die Stufen EHEMALS INDUSTRIE HEUTE HIP – ARBEITERHAUS SO NAHE AM ZENTRUM, DASS SICH NOCH EIN BANKIER EIN HALBES BEIN AUSREISSEN MUSS – EUROPÄISCHDIMENSIONIERTE STRASSENKRANZWOHNUNGEN UND GESCHÄFTE – WOHNSILOS NEBEN DER BAHNLINIE FÜR DIE SOZIAL GEFORDERTEN eine typisch australische suburbane Parterresiedlung wurde. Ich freue mich auf die anstehende Woche der Erkundung dieser Sechsmillionenstadt die sich über 240 Kilometer Durchmesser erstreckt.

Was mich also in dieser Situation immer so berührt, ist, dass ich einen Zettel in der Hand habe, auf dem Namen und Nummern stehen, die mir noch nichts bedeuten können, und dieser Zettel führt mich in genau eine Strasse aus einer Unmenge, vor genau eine aller Haustüren, in genau eine Wohnung, wo man mich erwartet und willkommen heisst und unterbringt. Während all die anderen Wohnungen mit anderen Nummern und Namen, all die tausenden, deren Myriaden von Stubenlampen am Abend dem Sternenhimmel Konkurrenz machen, mir nichts bedeuten, weil sie mir nicht als Heim offen stehen, obwohl ebenso gute Leute darin wohnen, wie die, die mich aufnahmen.